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Warum Branding und Psychologie zusammengehören

Gerade Designer sprechen beim Thema Marken und Corporate Design erstaunlich oft, als ginge es überwiegend um Gestaltung. Welche Farbe passt zur Branche oder der Zielgruppe? Welche Schrift wirkt moderner? Welches Logo ist formal besser konstruiert? Auch wenn gute Designer strategisch fundiert arbeiten, verstärken derlei Diskussionen auf LinkedIn und auf so mancher Designplattformen die unausgesprochene Annahme, Corporate Design sei in erster Linie eine Frage „guter“ Gestaltung. Eine prägnante Gestaltung ist wichtig, aber vor allem im Sinne seiner Zweckerfüllung.

Sobald Menschen einer Marke begegnen, laufen eine Vielzahl psychologischer Prozesse gleichzeitig ab. Aufmerksamkeit wird verteilt, Bekanntes von Unbekanntem unterschieden, Informationen vereinfacht, Risiken abgeschätzt und Erinnerungen aktiviert. Diese Prozesse folgen selten ästhetischen Vorlieben, sondern gut untersuchten Mechanismen der Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Entscheidungspsychologie. Gestaltung wird dadurch zu weit mehr als einer kreativen Disziplin. Sie beeinflusst, ob eine Marke überhaupt wahrgenommen wird, ob sie im Gedächtnis bleibt und welche Erwartungen Menschen mit ihr verbinden. Genau deshalb lässt sich Markenführung nicht sinnvoll von Psychologie trennen.

Wiedererkennung ist wichtiger als Sympathie

Eine der verbreitetsten Vorstellungen im Marketing lautet, erfolgreiche Marken entstünden vor allem durch emotionale Bindung oder besonders loyale Kundinnen und Kunden. Byron Sharp widerspricht dieser Annahme in How Brands Grow (2010) auf Basis umfangreicher Marktdaten. Sein zentrales Argument lautet, dass Marken vor allem dann wachsen, wenn sie in Kaufsituationen leicht erkannt und spontan erinnert werden.

Entscheidend ist damit weniger die Intensität einzelner Kundenbeziehungen als die sogenannte Mental Availability – die Wahrscheinlichkeit, dass eine Marke in einer konkreten Situation im Gedächtnis verfügbar ist. Sichtbare und konsistent eingesetzte Markenelemente spielen dabei eine zentrale Rolle. Farben, Formen, Typografie, Verpackungen oder Bildwelten fungieren als mentale Abrufhilfen. Je konsequenter diese über Jahre eingesetzt werden, desto leichter entsteht Wiedererkennung.

Jenni Romaniuk hat diesen Gedanken mit ihrer Forschung zu den Distinctive Brand Assets weiterentwickelt (Romaniuk, 2018). Ihre Arbeiten zeigen, dass Marken besonders dann profitieren, wenn ihre visuellen und sensorischen Merkmale eindeutig mit ihnen verknüpft sind. Ein wiederkehrender Farbton, eine charakteristische Verpackung, eine Figur oder sogar ein Klang entfalten ihren Wert nicht dadurch, dass sie ästhetisch überzeugen, sondern dadurch, dass sie als exklusiver Gedächtnishinweis funktionieren. Gute Gestaltung erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass eine Marke im entscheidenden Moment erkannt wird.

Wiedererkennung allein genügt allerdings nicht. Ebenso wichtig ist, wann Menschen überhaupt an eine Marke denken. Das Ehrenberg-Bass-Institut beschreibt diese Auslöser als Category Entry Points (CEPs) – Situationen, Bedürfnisse oder Nutzungskontexte, die den Einstieg in eine Kaufentscheidung markieren. Wer an Durst denkt, denkt möglicherweise an Wasser oder Cola. Wer neue Laufschuhe benötigt, ruft andere Marken ab als jemand, der ein Geschenk sucht. Erfolgreiche Marken besetzen möglichst viele dieser mentalen Einstiegspunkte und verknüpfen sie mit ihren unverwechselbaren Markenelementen. Markenwachstum entsteht somit aus dem Zusammenspiel von Wiedererkennbarkeit und mentaler Verfügbarkeit.

Das Ziel eines Corporate Designs besteht deshalb nicht darin, möglichst modern oder besonders kreativ zu wirken. Sein eigentlicher Wert liegt darin, eine Marke unverwechselbar und leicht erinnerbar zu machen.

Vertrautheit verändert Bewertungen

Bereits Robert Zajonc zeigte Ende der 1960er-Jahre einen Effekt, der bis heute zu den robustesten Befunden der Sozialpsychologie zählt. Menschen bewerten Reize positiver, wenn sie ihnen mehrfach begegnen – selbst dann, wenn sie sich an diese Begegnungen später nicht bewusst erinnern können (Zajonc, 1968). Dieser sogenannte Mere-Exposure-Effekt wurde seitdem in zahlreichen Experimenten repliziert.

Eine Metaanalyse von Montoya und Kolleg (2017), die mehrere hundert Einzelstudien zusammenfasst, zeigt allerdings, dass der Zusammenhang komplexer ist als häufig dargestellt wird. Die positive Wirkung wiederholter Begegnungen steigt zunächst an, erreicht jedoch einen Höhepunkt und nimmt bei sehr häufiger Wiederholung wieder ab. Vertrautheit erzeugt Vertrauen – Übersättigung dagegen Ablehnung

Für Marken bedeutet das zweierlei. Einerseits erhöht ein konsistenter Auftritt die Wahrscheinlichkeit, als vertraut wahrgenommen zu werden. Andererseits entsteht Markenstärke nicht durch maximale Sichtbarkeit, sondern durch eine langfristig ausgewogene Präsenz.

Marken schaffen Bedeutung

Marken unterscheiden sich selten ausschließlich über funktionale Eigenschaften. Technische Unterschiede schrumpfen in vielen Märkten zunehmend. Bedeutung entsteht deshalb häufig durch den Kontext, in dem eine Marke wahrgenommen wird.

Eine Möglichkeit, diesen Kontext herzustellen, ist Storytelling. Lundqvist und Kolleg (2013) konnten zeigen, dass eine Herkunfts- oder Unternehmensgeschichte die Markenwahrnehmung und die Zahlungsbereitschaft positiv beeinflussen kann. Die Stichprobe dieser experimentellen Studie war mit zwanzig Teilnehmenden allerdings klein, weshalb der Befund vorsichtig interpretiert werden sollte. Er fügt sich jedoch in eine deutlich breitere Forschung zur Wirkung narrativer Informationen ein. Green und Brock (2000) zeigten mit ihrer Transportation Theory, dass Menschen beim gedanklichen Eintauchen in eine Geschichte Einstellungen und Bewertungen eher im Sinne der erzählten Handlung verändern. Escalas (2004) konnte darüber hinaus nachweisen, dass Konsumenten Marken stärker mit ihrem Selbstkonzept verknüpfen, wenn Informationen in Form einer Geschichte statt als bloße Auflistung von Produkteigenschaften vermittelt werden. Ergänzend beschreiben Schank und Abelson (1995), dass narrative Strukturen Informationen leichter organisieren und langfristig erinnerbar machen als isolierte Fakten.

Der Wert einer Markengeschichte liegt deshalb weniger darin, Emotionen um ihrer selbst willen auszulösen. Geschichten strukturieren Informationen. Sie liefern Erklärungen dafür, warum ein Unternehmen existiert, weshalb bestimmte Entscheidungen getroffen wurden und welche Werte sich daraus ableiten lassen. Dadurch entsteht ein kohärenteres mentales Modell der Marke. Aus Sicht der Gedächtnispsychologie erhöht eine solche narrative Struktur die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen nicht nur verstanden, sondern auch langfristig gespeichert und in späteren Entscheidungssituationen wieder abgerufen werden.

Konsistenz reduziert Unsicherheit

Menschen bevorzugen Vorhersagbarkeit. Dieses Prinzip zieht sich durch zahlreiche psychologische Theorien.

Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz beschreibt die unangenehme Spannung, die entsteht, wenn Wahrnehmungen oder Überzeugungen nicht zusammenpassen (Festinger, 1957). Übertragen auf Marken bedeutet dies: Stimmen Kommunikation, Erscheinungsbild und tatsächliche Leistung nicht überein, entsteht Unsicherheit. Unternehmen wirken weniger glaubwürdig, weil Erwartungen und Erfahrungen auseinanderfallen.

Konsistenz ist deshalb weit mehr als ein gestalterisches Qualitätsmerkmal. Sie reduziert kognitive Unsicherheit und erleichtert Entscheidungen. Ein Unternehmen, dessen Kommunikation, Gestaltung und tatsächliches Verhalten dieselbe Haltung vermitteln, erscheint berechenbarer als eines, dessen Auftritt ständig zwischen verschiedenen Botschaften wechselt.

Verlustaversion prägt Kaufentscheidungen

Nicht jede Information beeinflusst Entscheidungen gleich stark. Die Prospect-Theorie von Kahneman und Tversky (1979) zeigt, dass Menschen mögliche Verluste deutlich stärker gewichten als gleich große Gewinne. Dieses Prinzip gehört inzwischen zu den am besten replizierten Befunden der Verhaltensökonomie.

Für Kommunikation bedeutet das nicht, dass jede Botschaft künstliche Knappheit erzeugen sollte. Es erklärt jedoch, weshalb Hinweise auf vermeidbare Risiken häufig überzeugender wirken als das bloße Versprechen zusätzlicher Vorteile. Wer den möglichen Schaden eines Problems versteht, bewertet dessen Lösung häufig höher als jemanden, der ausschließlich Chancen beschreibt.

Entscheidend bleibt allerdings die Glaubwürdigkeit. Künstlich erzeugte Dringlichkeit oder permanente Verknappung verlieren ihre Wirkung schnell, sobald sie als Manipulation erkannt werden.

Orientierung entsteht durch andere Menschen

Unter Unsicherheit orientieren sich Menschen am Verhalten anderer. Robert Cialdini beschreibt dieses Prinzip als Social Proof (1984). Bewertungen, Empfehlungen oder bekannte Referenzen dienen dabei als soziale Abkürzungen. Sie ersetzen keine eigene Entscheidung, erleichtern sie jedoch.

Cialdini und Goldstein (2004) zeigen in ihrer Übersichtsarbeit, dass sozialer Einfluss auf unterschiedlichen psychologischen Mechanismen beruht – unter anderem auf dem Bedürfnis nach Orientierung und auf normativen Erwartungen. Empfehlungen oder Referenzen entfalten ihre Wirkung deshalb nicht allein durch ihren Informationsgehalt, sondern weil sie Unsicherheit reduzieren und Vertrauen schaffen.

Der erste Eindruck setzt den Maßstab

Ein weiterer Mechanismus stammt aus der Urteilsforschung. Tversky und Kahneman (1974) beschrieben den Ankereffekt als die Tendenz, spätere Bewertungen an einem zuerst wahrgenommenen Wert auszurichten – selbst dann, wenn dieser objektiv willkürlich ist.

Im Marketing begegnet dieser Effekt ständig. Der zuerst kommunizierte Preis beeinflusst die Wahrnehmung aller folgenden Preise. Ein Premiumprodukt verändert die Bewertung günstigerer Varianten. Selbst die Reihenfolge von Informationen kann spätere Urteile verschieben.

Markenführung beginnt deshalb häufig früher, als Unternehmen annehmen. Der erste Kontakt setzt einen Referenzrahmen, innerhalb dessen alle weiteren Informationen interpretiert werden.

Gute Gestaltung erleichtert Denken

Warum wirken manche Marken hochwertiger, obwohl ihre Produkte objektiv kaum unterschiedlich sind?Eine Erklärung liefert das Konzept der Processing Fluency. Reber, Winkielman und Schwarz (1998) konnten zeigen, dass Menschen leicht verarbeitbare Informationen automatisch positiver bewerten. Klare Formen, hoher Kontrast, verständliche Sprache und reduzierte Gestaltung senken den kognitiven Aufwand der Informationsverarbeitung. Dieses angenehmere Verarbeitungserlebnis wird unbewusst auf die Marke übertragen.

Verarbeitungsflüssigkeit erklärt damit einen Teil dessen, was häufig als „gutes Design“ beschrieben wird. Ästhetik entsteht nicht ausschließlich aus Schönheit, sondern auch aus kognitiver Einfachheit.

Emotionen sind wirtschaftlich wirksam

Psychologie liefert keine Formel für erfolgreiche Markenführung. Sie beschreibt jedoch erstaunlich konsistent, nach welchen Mustern Menschen wahrnehmen, erinnern, bewerten und entscheiden.

Eine der umfangreichsten Analysen stammt von Les Binet und Peter Field (2013). Auf Basis von rund eintausend Kampagnen der IPA-Datenbank zeigen sie, dass langfristig erfolgreiche Markenkommunikation emotionale Markenbildung und kurzfristige Verkaufsaktivierung miteinander kombiniert. Die bekannte 60/40-Regel – etwa 60 Prozent Markenaufbau und 40 Prozent Aktivierung – ist keine starre Vorgabe, sondern eine empirisch abgeleitete Orientierung.

Ihre Ergebnisse passen gut zu Erkenntnissen der Gedächtnisforschung. Emotionale Erlebnisse werden tiefer verarbeitet, länger erinnert und leichter wieder abgerufen als rein sachliche Informationen. Marken profitieren deshalb langfristig davon, wenn sie nicht ausschließlich argumentieren, sondern Erfahrungen schaffen, die im Gedächtnis bleiben

Fazit

Dass Emotionen für Marken wichtig sind, gehört zu den ältesten Annahmen der Werbeforschung. Lange fehlten jedoch belastbare Nachweise dafür, wie stark sich dieser Zusammenhang tatsächlich auf den wirtschaftlichen Erfolg auswirkt.

Eine der umfangreichsten Analysen stammt von Les Binet und Peter Field (2013). Auf Basis von rund eintausend Kampagnen der IPA-Datenbank zeigen sie, dass langfristig erfolgreiche Markenkommunikation emotionale Markenbildung und kurzfristige Verkaufsaktivierung miteinander kombiniert. Die bekannte 60/40-Regel – etwa 60 Prozent Markenaufbau und 40 Prozent Aktivierung – ist keine starre Vorgabe, sondern eine empirisch abgeleitete Orientierung.

Marken entstehen deshalb weder ausschließlich durch Kreativität noch ausschließlich durch Daten. Sie entstehen dort, wo Gestaltung auf Erkenntnisse der Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Entscheidungspsychologie trifft. Wer diese Mechanismen versteht, entscheidet über Design, Kommunikation und Preis nicht allein auf Grundlage von Intuition, sondern auf Basis empirisch gut untersuchter Zusammenhänge.


Quellen

Binet, L., & Field, P. (2013). The Long and the Short of It: Balancing Short and Long-Term Marketing Strategies. Institute of Practitioners in Advertising (IPA).

Cialdini, R. B. (1984). Influence: The Psychology of Persuasion. William Morrow.

Cialdini, R. B., & Goldstein, N. J. (2004). Social influence: Compliance and conformity. Annual Review of Psychology, 55, 591–621. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.55.090902.142015

Escalas, J. E. (2004). Narrative processing: Building consumer connections to brands. Journal of Consumer Psychology, 14(1–2), 168–180. https://doi.org/10.1207/S15327663JCP1401&2_19

Festinger, L. (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford University Press.

Green, M. C., & Brock, T. C. (2000). The role of transportation in the persuasiveness of public narratives. Journal of Personality and Social Psychology, 79(5), 701–721. https://doi.org/10.1037/0022-3514.79.5.701

Kahneman, D., & Tversky, A. (1979). Prospect theory: An analysis of decision under risk. Econometrica, 47(2), 263–291.

Lundqvist, A., Liljander, V., Gummerus, J., & van Riel, A. (2013). The impact of storytelling on the consumer brand experience: The case of a firm-originated story. Journal of Brand Management, 20(4), 283–297. https://doi.org/10.1057/bm.2012.15

Montoya, R. M., Horton, R. S., Vevea, J. L., Citkowicz, M., & Lauber, E. A. (2017). A re-examination of the mere exposure effect: The influence of repeated exposure on recognition, familiarity, and liking. Psychological Bulletin, 143(5), 459–498.

Reber, R., Winkielman, P., & Schwarz, N. (1998). Effects of perceptual fluency on affective judgments. Psychological Science, 9(1), 45–48.

Romaniuk, J. (2018). Building Distinctive Brand Assets. Oxford University Press.

Schank, R. C., & Abelson, R. P. (1995). Knowledge and memory: The real story. In R. S. Wyer Jr. (Ed.), Advances in Social Cognition (Vol. 8, pp. 1–85). Lawrence Erlbaum Associates.

Sharp, B. (2010). How Brands Grow: What Marketers Don’t Know. Oxford University Press.

Tversky, A., & Kahneman, D. (1974). Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185(4157), 1124–1131.

Zajonc, R. B. (1968). Attitudinal effects of mere exposure. Journal of Personality and Social Psychology, 9(2, Pt. 2), 1–27.

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