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Science of Meetings – Effiziente Meetings gestalten

Über die Art und Weise, wie Meetings am besten effizient zu gestalten sind, ist schon viel geschrieben worden. Das Wissen ist vorhanden und dennoch verursachen Meetings weltweit immense Kosten, ohne nennenswerte Ergebnisse für die Unternehmen zu produzieren (Microsoft Work Trends Report 2023; Doodle State Of Meetings Report 2023).

Allein in den Vereinigten Staaten finden täglich zwischen 11 Millionen (Infocom, 1998) und 55 Millionen Meetings statt (Keith, 2015), wobei die Mitarbeiter im Durchschnitt 6 Stunden pro Woche in Meetings verbringen. Manager verbringen sogar noch mehr Zeit in Besprechungen, im Durchschnitt etwa 23 Stunden pro Woche und bis zu 80 % der Arbeitszeit in Besprechungen (Rogelberg, Scott, & Kello, 2007).

Einigen Schätzungen zufolge wird die Hälfte aller Meetings von den Teilnehmern als „mangelhaft“ eingestuft, und Unternehmen verschwenden jährlich rund 213 Milliarden US-Dollar für ineffektive Meetings (Keith, 2015).

65 % der befragten Manager in einer Studie des Harvard Business Review (Perlow at al., 2017) bestätigten, dass Meetings sie davon abhalten, ihre eigene Arbeit zu erledigen. 71 % sagten, dass Meetings unproduktiv und ineffizient sind. 64 % sagten, dass Meetings zur Last konzentrierten Arbeitens gehen.

Doch es scheint nur wenige Unternehmen zu geben, die die validen Erkenntnisse zu effizienten Meetings umsetzen. Nach Studien von Mc Kinsey (2022) und Kimberly-Clark Professional (2019) befolgen nur etwa 40 – 45 % aller Unternehmen überhaupt standardisierte Meeting-Regeln.

„If you had to identify, in one word, the reason why the human race has not achieved, and never will achieve, its full potential, that word would be „meetings.“

Dave Barry, American humorist (quoted in Fotsch & Case, 2016)

Welche „Typen" fördern Ineffizienz in Meetings?

Fragt man einzelne Arbeitnehmer:innen, scheint es niemanden zu geben, der gerne freiwillig seine wertvolle Arbeitszeit in langen Meetings verbringen möchte (Keith, 2015; Rogelberg et al., 2007 u. a.) – und doch gibt es verschiedenen Stereotypen von Mitarbeitenden, die gerade durch ihr Verhalten zur Ineffizienz von Meetings beitragen.

  1. Die Selbstdarsteller: Manche Menschen hören sich einfach selbst gerne reden. Meetings, bei denen niemand so einfach „ihre Bühne“ verlassen kann, bieten die ideale Plattform für Profilneurotiker, die am liebsten von ihren eigenen Erfolgen reden.
    Die Hadernden: Sie haben Angst Verantwortung zu übernehmen und vermeiden es alleine Entscheidungen zu fällen. Leider auch öfter in Führungsetagen anzutreffen.
  2. Die Prokrastinierer: Sie vermeiden gerne „echte“ Arbeit und nutzen jedes Meeting als Argumentationsgrundlage dafür, nicht die eigentliche Arbeit erledigen zu müssen. Die typische Formulierung: Bei so vielen Meetings kommt man ja zu gar nichts.
  3. Die Problemorientierten: Anstatt produktiv über Lösungen nachzudenken, bringen sie ein destruktives Argument nach dem anderen und erklären, warum etwas nicht geht oder warum man etwas nicht machen sollte.

12 konkrete Tipps für produktivere Meetings

1. Kein Meeting ohne Tagesordnung.

Doch selbst, wenn eine Agenda vorhanden ist, kann es passieren, dass Meetings keinen Mehrwert bieten. Denn jede Agenda benötigt ein spezifisch zu besprechendes Thema und ein übergeordnetes Ziel.

2. Jeder Teilnehmer bereitet sich vor.

Jeder Teilnehmende hat die Verantwortung, sich bereits im Vorfeld des Meetings mit der Agenda vertraut zu machen. Alternative können Sie es auch so machen wie Jeff Bezos*).

3. Auf jedem Schiff gibt es nur einen Kapitain.

Es gibt nur einen Hauptverantwortlichen für das Meeting. Er ist der Kapitän und moderiert das Meeting.

4. Jedes Meeting braucht einen Titel.

Verwenden Sie sog. „Action-Titel“ für jedes ihrer Meetings, damit deutlich wird, dass es um die Umsetzung konkreter Handlungen geht.

5. Pünktlich starten!

Für Kaffee und Getränke wird (vom MeetingVerantwortlichen oder den einzelnen Teilnehmenden) rechtzeitig VOR dem Meeting gesorgt. Noch besser: ganz ohne. Schließlich wollen Sie wichtige Themen besprechen und kein Kaffeekränzchen halten.

6. Klare Ziele und Fristen sind ein Muss!

Wer macht was, wie und vor allem bis wann! Für jeden zu besprechenden Punkt einer Agenda muss ein Teilnehmender „den Hut aufhaben“.

7. Weniger ist mehr!

Überladen Sie ihr Meetings nicht mit zu vielen Themen und Agendapunkten.

8. Keine Aufschieberitis!

Das Verschieben von konkreten Anforderungen an ein Task auf ein neues Meeting ist ein absolutes No-Go! Überlegen Sie sich bereits beim Erstellen der Agenda, ob ein Task gelöst werden kann, oder so umfangreich ist, dass es ein eigenes Meeting voraussetzt.

9. Keine Meeting-Marathons!

Ein Meeting sollte nie länger als 45 – 50 Minuten dauern. Die Konzentrationsfähigkeit und damit die Leistung aller Teilnehmenden nehmen bei längeren Meetings deutlich ab (Allen et al., 2018). Ein weiterer nachteiliger Aspekt von zu langen Meetings ist das sog. Parkinson’sche Gesetz, nachdem sich „Arbeit in genau dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“

10. Streichen Sie den Tagespunkt „Sonstiges".

Dieser bietet eine ideale Plattform für Labertaschen, Problematisierer, Haderer und Selbstdarsteller und zieht ihr Meeting unproduktiv in die Länge.

11. Handys und Tablets gehören in die Tasche.

Es gibt Studien (Clayton et al., 2015; Ward et al., 2017; Wilmer et al., 2017; Thornton et al., 2014), die zeigen, dass durch die bloße Anwesenheit/Sichtbarkeit von Smartphones auf einem Tisch bereits die Aufmerksamkeit (sog. Brain-Drain Effect) leidet. Aufgrund der Ablenkung durch Smartphones müssen im Zweifel wichtige besprochene Themen mehrfach wiederholt werden und können dazu führen, dass Diskussionen verschleppt werden. Seien Sie streng und konsequent und halten Sie es wie in der Schule: Wer nach mehrmaliger Ermahnung nebenbei auf seinem Handy tippt, fliegt raus.

12. Two-Pizza-Rule.

Jeder Teilnehmende sollte mindestens ein Stück einer Pizza erhalten. Das heißt, dass die maximale Anzahl von acht Teilnehmenden nicht überschritten werden sollte. Je größer die Gruppe, desto stärker tritt der Effekt des sozialen Faulenzens(1) auf (Karau & Williams, 1993; Latané et al., 1979).

Über die Nachteile der Gruppenarbeit und speziell großen Teams berichte ich demnächst in einem gesonderten Artikel.

Weitere Ideen, um Meetings effizient zu gestalten

  • Walking-Meetings: Verlagern Sie eine Besprechung mit wenigen Teilnehmern ins Freie und gehen Sie spazieren. Oppezzo & Schwartz (2014) konnten zeigen, dass Bewegung den kreativen Output deutlich steigern kann. Walking-Meetings eignen sich daher besonders für Brainstormings. Auch Steve Jobs, Barack Obama und Mark Zuckerberg sollen Fans davon sein. Allerdings scheint Bewegung weniger geeignet, wenn es darum geht, eine konkrete Problemlösung zu finden (Colzato et al., 2013).
  • Super-Speedy-Meetings: 10- bis max. 15-minütige Teambesprechungen, wie sie auch beim Militär, der Feuerwehr oder in Krankenhäusern stattfinden, geben die Möglichkeit zur Nachbesprechung oder aktiven Reflexion aktueller Ereignisse. Der Fokus liegt dabei oft auf einem spezifischen, zielgerichteten Thema.
  • Huddle oder Stand-up: Das Huddle ist ebenfalls max. 15 Minuten langes, hoch konzentrierte Zusammenkunft eines Teams. Es findet jeden Tag, morgens, zur selben Zeit und im Stehen statt, beginnt und endet pünktlich und bezieht immer die gleichen Personen mit ein. Huddles folgen einem strengen Rahmen. (siehe Grafik). Sie fördern das Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Teamgeistes und die Rechenschaftspflicht, erleichtern die Koordination, decken blinde Flecken auf und ermöglichen dank der Schärfung des kollektiven Fokus und der gemeinschaftlichen Bereitstellung von Informationen auch schnelle Problemlösungen.

Konsequenz ist ein Schlüssel zum Erfolg, wie in der Kindererziehung

Als Verantwortliche/r sollten Sie Ihre Meeting-Regeln klar und deutlich kommunizieren und vor allem sehr konsequent in deren Umsetzung sein. Einer meiner ehemaligen Studium-Profs schloss den Raum nach dem Beginn der Vorlesung von innen zu. Die Student:innen, die sich erlaubt hatten durch ihre Verspätung die Vorlesung zu stören, wurden so unweigerlich zur Pünktlichkeit gezwungen.

Das mag streng und rigoros anmuten, aber wer in unterschiedlichen Gruppenkontexten arbeitet, wird schnell feststellen, dass sich Menschen, ungeachtet ihres Alters, in Gruppen wie Kinder und Schüler verhalten konnen.

Fazit

Ungeachtet der wissenschaftlichen Erkenntnisse, hängt die Wirksamkeit Ihrer Massnahmen zur Gestaltung effizienter Meetings auch von der gelebten Unternehmenskultur ab und sollte auch zum Geschäftsmodell passen. Insbesondere moderne Unternehmen, die in großen Teilen remote arbeiten, stehen mit der Gestaltung und Durchführung von Online-Meetings vor einigen anderen psychologischen Herausforderungen (z. B. Onlinemüdigkeit, Telepräsenz, Online-Bindungsfähigkeit, Reaktionsvakuum, u.v.m.)

(1) Soziales Faulenzen (Social Loafing) beschreibt die Tendenz von Individuen, in Gruppen weniger Aufwand zu betreiben als wenn sie alleine arbeiten. Dies wird besonders in größeren Teams problematisch, wo die Leistung pro zusätzlichem Teammitglied abnimmt.
Quellen:

Allen, J. A., Lehmann-Willenbrock, N., & Rogelberg, S. G. (2018). The Cambridge Handbook of Meeting Science. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781316227126

Karau, S. J., & Williams, K. D. (1993). Social loafing: A meta-analytic review and theoretical integration. Journal of Personality and Social Psychology, 65(4), 681-706. DOI: 10.1037/0022-3514.65.4.681

Latané, B., Williams, K., & Harkins, S. (1979). Many hands make light the work: The causes and consequences of social loafing. Journal of Personality and Social Psychology, 37(6), 822-832. DOl: 10.1037/00223514.37.6.822
State of Meetings Report 2023. (o. D.).Doodle. https://doodle.com/en/state-of-meetings-report-2023/

Thornton, B., Faires, A., Robbins, M., & Rollins, E. (2014). The Mere Presence of a Cell Phone May be Distracting. Social Psychology, 45(6), 479-488. DOI: 10.1027/1864-9335/a000216

Ward, A. F., Duke, K., Gneezy, A., & Bos, M. W. (2017). Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity. Journal of the Association for Consumer Research, 2(2), 140154. DOI: 10.1086/691462

Clayton, R. B., Leshner, G., & Almond, A. (2015). The extended iSelf: The impact of iPhone separation on cognition, emotion, and physiology. Journal of Computer-Mediated Communication, 20(2), 119-135. DOI:10.1111/jcc4.12109

Colzato, L. S., Szapora, A., Pannekoek, J. N., & Hommel, B. (2013). The impact of physical exercise on convergent and divergent thinking. Frontiers in Human Neuroscience, 7, 824. DOI: 10.3389/fnhum.2013.00824

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